Geld soll wieder «greifbar» werden

7. Juli 2021

Geld soll wieder «greifbar» werden

Geld soll wieder greifbar werden

Dani Stüssi (links), CEO der RealUnit Schweiz AG in Baar, und der Luzerner Bankier Karl Reichmuth, der die Investmentgesellschaft gegründet hat. Beide haben familiäre Wurzeln in Schwyz, weshalb sie sich dort fotografieren liessen. Bild: Boris Bürgisser (Schwyz, 25. Juni 2021)

Artikel aus der Luzerner Zeitung vom 03. Juli 2021 | von Maurizio Minetti

Bankier Karl Reichmuth geht mit einem Unternehmen auf den Markt, das eine Art private Währungsalternative bieten will.

Wer Geld auf dem Sparkonto hortet, wird langfristig ärmer. Denn wegen tiefer Zinsen verrechnen Banken bei grösseren Beträgen sogenannte «Guthabengebühren». Das Kapital schmilzt langfristig also dahin. «Unser heutiges Geld hat seine Werterhaltungsfunktion verloren», sagt dazu Daniel Stüssi. Der 47-Jährige leitet seit April die RealUnit Schweiz AG mit Sitz in Baar. Diese junge Firma hat eine Vision, wie Stüssi erklärt: «Wir verfolgen das Ziel, eine einfache Anlagelösung für den langfristigen Werterhalt des Vermögens zu sein.»

Gründer des Baarer Unternehmens ist der Privatbankier Karl Reichmuth. Der 82-Jährige beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten aus beruflichen Gründen mit Geld, baute er doch den Luzerner Vermögensverwalter Reichmuth & Co auf. Daneben grübelt Reichmuth aber immer auch über mögliche Reformen des Geldsystems. Mehrere Publikationen hat er herausgegeben; kürzlich erschien mit «Neue Währungen in Sicht» sein neustes Buch (siehe Hinweis).

Massive Entwertungen der Währungen

Die RealUnit Schweiz AG ist sozusagen das Produkt der Ideen von Reichmuth. Die Firma besteht zwar schon seit 2017, bediente bislang aber lediglich Freunde und Familie rund um den Bankier. Erst jetzt öffnet sich das Unternehmen dem grossen Publikum.

Doch was macht RealUnit überhaupt genau? Stüssi muss dafür etwas ausholen: «Eines der Probleme des heutigen Systems ist, dass Geld anders als früher nicht mehr an etwas Reales gebunden ist. Gold als Stabilitätsanker wurde praktisch überall abgeschafft. In den letzten Jahrzehnten haben staatliche Währungen deshalb gemessen an den Preisen für Konsumgüter eine massive Entwertung erlebt.» Nicht nur US-Dollar und Euro seien im Vergleich zu früher weniger wert, sondern auch der Schweizer Franken. Die Nullzinspolitik und die Ausweitung der Geldmengen durch die Zentralbanken hätten die Lage zusätzlich verschärft.

«Das ist ein Problem, denn je mehr Einheiten einer staatlichen Währung vorhanden sind, desto weniger ist jede einzelne Einheit wert», erklärt Stüssi. Wer in diesem Umfeld Geld auf die Seite lege, könne nicht sicher sein, dass dieses Geld in 20 oder 30 Jahren mehr oder auch nur gleich viel wert sei. «Nur wenn das Geld durch etwas Greifbares hinterlegt ist, bleibt der Wert bestehen – oder er steigt hoffentlich sogar an.» Hier kommt die Real Unit Schweiz AG ins Spiel. Das Unternehmen legt das Geld der Kunden zu mindestens 60 Prozent in Realwerte an. Mit Realwerten sind in erster Linie Gold- und Silberbarren gemeint, welche die Firma sicher lagert. Realwerte können aber auch Industriemetalle sein oder Aktien von börsenkotierten Unternehmen. «Aber nur von solchen, die sich stabil entwickeln, mehr Eigen- als Fremdkapital und somit eine tiefe Verschuldung aufweisen sowie ein krisenresistentes Geschäftsmodell haben», sagt Stüssi. Später könnten auch Immobilien dazukommen.

Kunden sind automatisch Miteigentümer

Das Geld, das so angelegt wird, soll nicht an Wert verlieren. Stüssi und Reichmuth glauben, dass der reale Werterhalt einer Währung nur dann gegeben ist, wenn sich die Wertentwicklung im langfristigen Durchschnitt mindestens im Gleichschritt mit der Wirtschaft bewegt. «Wir streben ein Wachstum im Einklang mit dem Bruttoinlandprodukt BIP der Schweiz an», sagt Stüssi. Das bedeutet aber auch: Schrumpft die Schweizer Wirtschaft, schrumpft auch der Wert der Anlagen von RealUnit. «Die Kaufkraft würde aber tendenziell erhalten, weil BIP und Währung im Einklang bleiben», so Stüssi. «Und das Geld würde dadurch wieder seine Werterhaltungsfunktion zurückgewinnen.» Der RealUnit soll also langfristig eine Art private Währungsalternative werden. Die Verantwortlichen haben mit RealUnit ein eigenes Anlagesystem entwickelt: Die Kunden erhalten einen Anteil des Unternehmens in Form von Aktien, sind also automatisch Miteigentümer. Sie sollen so von der langfristigen Entwicklung der Aktie profitieren und auch an Generalversammlungen mitbestimmen können. Voraussetzung ist, dass die Aktien der RealUnit Schweiz AG an einer Börse gehandelt werden. «Wir planen eine Börsenkotierung für kommenden Winter», kündigt Stüssi an.

Für schnelle Gewinne und Spekulationen sei der RealUnit aber nicht geeignet. «Wir richten uns an Anleger, die langfristig orientiert denken», sagt der Geschäftsführer. Derzeit verwaltet das Unternehmen erst einen zweistelligen Millionenbetrag, die Summe soll aber markant steigen, so Stüssi, etwa durch Kapitalerhöhungen. Neue Mittel würden dann wieder in reale Werte angelegt werden. Mit einem Kostenanteil von 0,9 Prozent sei man relativ schlank aufgestellt: Das Unternehmen beschäftigt in Baar lediglich eine Handvoll Personen. Vor kurzem hat die Investmentgesellschaft aber diverse Köpfe aus der Bankenszene an Bord geholt. Sie sollen dabei helfen, die Idee von Karl Reichmuth in die Tat umzusetzen.

Hinweis

Karl Reichmuth und andere Autoren aus der Finanzbranche und der Welt der Kryptowährungen beleuchten im Buch «Neue Währungen in Sicht» vom Axel Springer Verlag (ISBN 978-3-03875-385-8) den inhaltlichen und technischen Umbruch des Geldsystems. 176 S., 45 CHF.

Bild: © Boris Bürgisser (Schwyz, 25. Juni 2021)

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