Die Weltwoche: Früher waren es Mastsauen, und heute?

20. August 2021

Früher waren es die Mastsauen - Artikel in der Weltwoche

Karl Reichmuth empfiehlt Realwerte als Rezept gegen Inflationsgefahren

Von Beat Gygi | Erschienen in der Weltwoche Nr. 33.21

Kommt jetzt die Inflation? Die Frage treibt Anleger, Ökonomen und Politiker um. Nervös schauen sie auf die jüngsten Preissteigerungen in den USA und Deutschland, die wo die Inflationsdaten über den 2 Prozent liegen, die üblicherweise als Grenzwert für Preisstabilität gelten. Auch im Alltag wird die Debatte intensiver, unter Handwerkern und Industrieunternehmern, deren Beschaffungspreise dieses Jahr je nachdem um zehn und mehr Prozent in die Höhe geschnellt und sind irgendwie an die Kunden weiterzugeben sind.

In der Schweiz sind allerdings noch keine scharfen Zunahmen des Konsumentenpreisindexes sichtbar, das ist ja die gängige Messgrösse für Inflation bei normalen Konsumgütern – allerdings blind für überschäumende Immobilien- und Luxusgüterpreise. Aber die extrem lockere Politik der Notenbanken, die weiterhin die Märkte fluten, führt zu schlechten Vorahnungen für die Zukunft des Geldes.

Wohin aber mit dem Geld, wenn überall dessen Entwertung droht? Da fällt der Blick auf das Buch: «Neue Währungen in Sicht – privates Geld gegen die Geldblase der Notenbanken», das der Bankier Karl Reichmuth von der gleichnamigen Privatbank kürzlich herausgegeben hat. Das tönt verheissungsvoll – aber ist es realistisch, dass man privat eine Währung konstruieren kann, die gegen die übermächtigen Riesen des staatlichen Gelddruckens etwas ausrichten kann? Einzelne Menschen? Ja. Reichmuth legt das in einem Interview im Buch anschaulich dar. Jeder kann sich eine Art Währung schaffen. Man müsse auf das Reale schauen, nicht auf das nominale Geld, sagt er. Was ist real? Er erklärt es im Interview einprägsam: «Als mein Vater, 1900 geboren und Käsermeister, meinem Bruder 1963 seine Schweinemästerei überschrieb, fragte ihn der Notar, was er denn für alten Tage als Vorsorge für eine Pacht verlangen wolle, zumal es damals noch keine staatliche Rente gab. Seine Antwort; monatlich den Gegenwert einer mastreifen Sau.» Reichmuth war es, wie er sagt, damals peinlich, dass der Vater nicht eine Miete vereinbaren wollte, aber der Vater erklärte ihm dann, wie Nominalguthaben, die nicht real gedeckt sind, durch schleichende oder galoppierende Inflation oder gar Währungsschnitte verloren gehen könnten.

Was entspricht heute dem, was früher eine mastreife Sau war? Es müssen ebenfalls reale Werte sein, einfach aus der moderneren Welt, die etwas Begehrenswertes darstellen, Bedürfnisse befriedigen, eine Art solide Naturalien, mehr oder weniger unverwüstlich. Die Antwort: Im Prinzip sind das gute Produkte von Unternehmen, die immer begehrt sind. Aber halt, diese kann man ja nicht direkt kaufen und horten, das ist undenkbar – also schaut man, was dem an nächsten kommt.

Das sind Aktien dieser Unternehmen, die gute, begehrte Produkte hervorbringen, denn der deren Bewertung an der Börse hängt eng mit dem Wert zusammen, den die Firma für die Kunden erbringt. Mit dem Kauf von Nestlé-Aktien beispielsweise tauscht man sein Geld im übertragenen Sinn sozusagen in Ernährungssicherung, mit dem Kauf von Roche-Aktien in Gesundheitsschutz, mit dem Kauf von Disney-Aktien in Unterhaltung. Auf diese Weise nimmt man portionenweise Ernährungssicherung, Gesundheitsschutz und Unterhaltung ins Portefeuille. Das sind seriös erarbeitete Qualitätsprodukte, die durch Wertschätzung der Kunden gestützt werden.

Wenn das Preisniveau irgendwann inflationsmässig nach oben schiessen sollte, dürften die Kurse dieser Portionen simultan mitsteigen, deren realer Wert dürfte also erhalten bleiben, wie bei Mastsauen. Natürlich kann man nichts mit Gewissheit voraussehen, aber klar ist jeden- falls: Wer sein Geld vor Wertverlust schützen will, muss Aktien gut geführter Unternehmen halten, die durch ihre Geschäftstätigkeit Wert schaffen für die Kunden, für die Menschheit. Und wie gesagt, jeder kann das kaufen, das ist ein Triumph des Marktes. Reichmuth hat schon vor rund zwanzig Jahren die Idee lanciert, dass man sein Geld in eine geeignete Kombination solcher Aktien investiert, in einen Korb, einen Fonds, in dem sich daneben auch Bargeld, Gold und andere Edelmetalle befinden. Nimmt man diese Kombination und schneidet sie in Stücke, erhält man quasi x Häppchen reale Wirtschaft, Eigentumswerte.

«Real Unit», so taufte Reichmuth diese Einheit: handhabbar wie Franken oder Dollar, aber eben als eine Währungseinheit, die fest mit Produkten und Leistungen der Wirtschaft verbunden ist. Im Buch kommen auch andere Alternativen zur zu den staatlichen Währungen zur Sprache, etwa Kryptowährungen samt der ihnen zugrund liegenden der Blockchain-Technologie, aber der «Real Unit» als Wertspeicher wirkt besonders realitätsnah, weil jeder frei ist, von sich aus so zu handeln.

Lesen Sie hier den Originalartikel aus der Weltwoche:

Bildmontage Titelbild: zippypixels – Envato Elements

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