Besseres Geld für schwierige Zeiten

Besseres Geld für schwierige Zeiten

An einer Feier zu 14 Jahren Bank Reichmuth & Co und 140 Jahren Karl und Marlis Reichmuth dachten Experten über die Entwicklung der Währungen und des Geldwesens nach.

Das Geld eignet sich zwar bestens für den Tausch, aber nur bedingt für das Aufbewahren von Werten: Zu dieser Einsicht kam Karl Reichmuth dank seiner fünfzigjährigen Berufserfahrung als Bankier. Als gesellschaftliches Problem empfand er vor allem, dass die Sparer und Vorsorger, die ihr Geld in Nominalwerten wie Sparkonti oder Obligationen anlegen, wegen der Geldentwertung real verlieren. Sie brauchen seines Erachtens dringend ein Anlageinstrument, um den Wert ihrer Spargelder mittel- und langfristig zu bewahren, da im Währungssystem Turbulenzen und Krisen drohen. Vor zehn Jahren schuf er deshalb zusammen mit seinem Sohn Remy Reichmuth den RealUnit – Geld, das durch reale Werte gedeckt ist. Eine Pilot-Anlage mit privatem Geld nach diesem Prinzip erzielte viel versprechende Ergebnisse. Deshalb bietet nun die Bank Reichmuth & Co Privatbankiers den RealUnit-Fonds allen Sparern und Vorsorgern an.

Am morgendlichen Symposium vom Samstag, 6. Februar 2010 führten namhafte Experten, Dr.h.c.mult. Karl Otto Pöhl, Dr.h.c. Beat Kappeler und Prof. Dr. Aldo Haesler, das zahlreiche Publikum in ihre Gedanken zur mittelfristigen Entwicklung der Währungen, aber auch zum tiefgründigen Wesen des Geldes ein. Anschliessend feierten die Gäste 14 Jahre Bank Reichmuth & Co und 140 Jahre Karl und Marlis Reichmuth (also zweimal den 70. Geburtstag).

Weshalb niemand aus Euroland austritt
„Ich bin überrascht, dass der Euro elf Jahre lang funktionierte“, sagte Karl Otto Pöhl. Er führte von 1980 bis 1991 als Präsident die deutsche Bundesbank und sorgte für die legendäre Stabilität der D-Mark. Der Euro, am 1. Januar 1999 eingeführt, sollte sich zur ebenso harten Währung entwickeln. Aber dafür fehlt ihm eine entscheidende Voraussetzung: Das Euroland ist nicht, was die Ökonomen einen „idealen Währungsraum“ nennen. Dafür würde es eine einheitliche Fiskalpolitik und einen gemeinsamen Arbeitsmarkt brauchen. Wenn sich Länder innerhalb eines solchen Währungsraums überschulden, müssten dort Preise und Löhne sinken oder Arbeitskräfte auswandern, damit die Bilanz wieder ins Lot kommt.

Im Euroraum geschah das Gegenteil. Im letzten Jahrzehnt stiegen die Lohnstückkosten in Deutschland um 5 Prozent, in Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien – von den Finanzmärkten inzwischen wenig schmeichelhaft als PIIGS abgekürzt – um 28 bis 30 Prozent. Aufgrund der Finanzkrise kämpft vor allem Griechenland mit schwersten Problemen. Das Land müsste eine deflationäre Politik betreiben, also Preise und Löhne senken, betonte Karl Otto Pöhl. Griechenland kann wegen seiner Einbindung in den Euro nicht mehr einfach seine Währung abwerten, also jene Lösung wählen, die den überschuldeten Staaten Südeuropas jahrzehntelang half. Und es kann auch nicht aus dem Euroraum austreten: Einerseits würde das Land mit einer stark abgewerteten eigenen Währung endgültig unter seiner Schuldenlast zusammenbrechen, anderseits würden die steigenden Zinskosten sofort auch Spanien, Portugal und Italien in Nöte bringen, was zu einem Dominoeffekt mit unvorstellbaren Folgen führen würde. (Beat Kappeler schlug deshalb in einer Kolumne in der „NZZ am Sonntag“ eine verblüffende „einfachere Lösung“ vor: Deutschland mit seiner strikten Geldpolitik solle aus Euroland austreten.) Dass der Dollar fest bleibe, obwohl die Staatsverschuldung der USA auf 120 Prozent des BIP steige und die Arbeitslosenrate real bei 20 Prozent liege, meinte Karl Otto Pöhl, liege an „der schlechten Performance des Euro“. Die Spannungen im Währungsgefüge dürften anhalten: „Wir werden noch zwei bis drei Jahre krisenhafte Zustände und schwaches Wachstum haben.“

Mit weiterer Geldentwertung rechnen
„Der Dollar hat nicht ausgespielt“, stellte Beat Kappeler fest. Der Publizist wies darauf hin, dass der Dollar Transaktionswährung für viele Rohstoffe bleibe und als Währungsreserve in fast allen Notenbankkellern liege, „sogar in China, dort in grossen Mengen“ (nämlich mehr als 1,5 Billionen). Gerade die Chinesen würden leiden, wenn sich der Dollar weiter abwertet. Für diese Entwicklung sprechen zwar die Überschuldung und das Handelsbilanzdefizit der USA, Beat Kappeler glaubt aber nicht daran. Wenn die US-Notenbank dereinst die aufgeblähte Geldmenge wieder zurücknehmen müsse, stiegen die Zinsen stark an, vor allem weil die USA wegen ihrer Staatsdefizite Geld aufnehmen müssten: „Dann aber stärkt sich auch der Dollarkurs.“

Der Euro hingegen bleibe gedrückt, meinte Beat Kappeler, da die Turbulenzen der letzten Monate das Misstrauen der Anleger schürten. Zudem kommen die schwachen Länder im Euroraum nicht um eine deflationäre Politik herum und das Wachstum Europas, wirtschaftlich wie demografisch, bleibe schwach. Unsere Nationalbank band den Franken eng an den Euro, um die Exportindustrie nicht vor noch grössere Probleme zu stellen. Dafür musste sie allerdings die Geldmenge stark ausweiten. Sobald die Nationalbank aber diese Aufblähung rückgängig machen müsse, werte sich der Franken auf. Insgesamt sei ohnehin in allen Währungen weiter mit einer schleichenden Geldentwertung zu rechnen, warnte Beat Kappeler. Zu schwer drücke die Schuldenlast, alle Beteiligten rechneten damit, dass sie die Staaten nur mit einer Inflationierung abbauen können: „Der RealUnit des Hauses Reichmuth bleibt aktuell, Realien sind besser als Papier.“

Vom Geldwerkzeug zum Geldmedium
Wie es zum inhaltlosen Papiergeld von heute kam, zeigte der Ökonom Aldo Haesler mit einer tiefschürfenden Exkursion in die Geschichte. Der Soziologie Professor der Universität Caen wies darauf hin, dass sich im 17. Jahrhundert der Begriff des Tauschs grundlegend änderte. Bis dahin galt: Der Vorteil des Einen ist der Nachteil des Anderen. Langsam setzte sich dann der fundamentale Wandel durch, den Tausch als für beide Parteien vorteilhaft zu betrachten, so schrieb Adam Smith in seinem Werk „Der Wohlstand der Nationen“ von 1766, dass in einer arbeitsteiligen Gesellschaft am meisten Wohlstand geschaffen wird, indem jeder für seinen Eigennutzen sorgt. Vorher erschien der Tausch als Nullsummenspiel, heute gilt der Tausch als Win-win-Situation.

„Das Positivsummenspiel verlangt nun aber nach einem anderen Geldbegriff“, meint Aldo Haesler. Damit das Geld seine dynamische Funktion übernehmen konnte, musste es vom materiellen Substrat entbunden werden. Eigentlich dürfe man deshalb gar nicht mehr das gleiche Wort benutzen, betont der Geldtheoretiker: Früher war es ein Geldwerkzeug, jetzt ist es ein Geldmedium. Wie Gott die Welt schüfen die Notenbanken ihr Geld aus dem Nichts, also als „Creatio ex nihilo“; während die Gläubigen einem Dogma anhängen, vertrauen die Geldbesitzer auf die Einlösepflicht und die Kaufkrafterhaltung der Notenbanken. An diesem inhaltslosen Geldwesen zweifelt Karl Reichmuth: Sein RealUnit beruht auf der durchschnittlichen Leistung der Volkswirtschaft (BIP) – das heisst die Anlagen erfolgen zu rund zwei Dritteln konsum- und zu einem Drittel investitionsorientiert.

Dr. phil. Markus Schär, im Februar 2010

Foto: Артем Постоев/AdobeStock.com